Die Multikulti-Gemeinderatswahlen in Brüssel und die Zukunft Belgiens
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Übersetzt von Sebastian Seiffert
Es ist ein knappes Jahr her, dass die politische Krise in Belgien durch die Bildung einer der Einheit des Landes verpflichteten Bundesregierung überwunden wurde. Am 14. Oktober 2012 waren belgische Bürger nun zu den Gemeinderatswahlen aufgerufen. Viele fragen sich, ob die Wahlergebnisse dem Land in eine neue Krise entlang der flämisch-frankophonen Trennlinien einbringen werden. Für Expats in Brüssel, die auch wählen durften, standen hingegen andere Aspekte im Vordergrund, vor allem die beeindruckende Anzahl ausländischer Kandidaten auf den Wahllisten. Es sieht so aus, als sei die politische Zukunft Brüssels (und Belgiens) vielfältiger, als viele denken. Belgische Bürger über
18 Jahren, aber auch Ausländer mit festem Wohnsitz in Belgien
konnten letzten Sonntag bei den Gemeinde- und Provinzratswahlen
wählen gehen. Es waren die ersten Wahlen seit der Bildung einer
Bundesregierung unter Führung des frankophonen Sozialisten Elio di
Rupo im Dezember 2011, die die politische Krise beendete. Diese
Regierung ist das Ergebnis eines Kompromisses zwischen flämischen
und frankophonen Parteien, der erst 541 Tage nach den Wahlen auf
Bundesebene im Juni 2010 erreicht wurde. Diese Dauer brachte Belgien
einen zweifelhaften Rekord als jenes Land ein, das am längsten ohne
eine Regierung blieb.
Diese politische Blockade
resultierte aus einer tiefen historischen Spaltung zwischen den
beiden großen belgischen Regionen, dem niederländischsprachigen
Flandern und dem französischsprachigen Wallonien. Die dritte Region
namens „Hauptstadtregion Brüssel“ ist offiziell zweisprachig.
Die Auseinandersetzung zwischen den beiden Sprachgruppen hat
unübersehbare Auswirkungen auf die Politik und politische Parteien
in Belgien. So sind etwa die flämische sozialistische Partei und die
frankophone sozialistische Partei zwei getrennte Organisationen. Auch
die liberalen Parteien haben im Norden und Süden des Landes andere
Namen, und bei den Wahlen auf Bundesebene treten die meisten dieser
Parteien jeweils mit getrennten Listen auf – je einer für die
Flamen und die Frankophonen. Dieselbe Situation gibt es auch bei den
Gemeinderatswahlen im zweisprachigen Brüssel.
Wenn
ihr schon eine Weile in Belgien lebt, denke ich, werden euch diese
politischen und institutionellen Eigenheiten schon ganz normal
vorkommen. Sicher haben euch eure belgischen Bekannten erklärt, dass
es sich um notwendige Maßnahmen handelt, um gewisse
sezessionistische Gruppen und Parteien unter Kontrolle zu halten, die
vor allem in Flandern stark sind, und die Einheit des Landes zu
bewahren.
Vielleicht
wisst ihr dann auch, dass vor allem der Wahlsieg von Bart de Wever in Antwerpen
Besorgnis ausgelöst hat. Er wurde am 14. Oktober zum
Bürgermeister der größten flämischen Stadt und wirtschaftlichen
Hauptstadt Belgiens gewählt. Damit kommt die Nord-Süd-Spaltung des
Landes einmal mehr ganz oben auf die politische Tagesordnung. De
Wevers Partei, die Neue Flämische Allianz (N-VA), tritt für eine
stufenweise Ablösung Flanderns von Belgien ein und hatte in ganz
Flandern bei den Wahlen großen Erfolg. Noch am Wahlabend
verschreckte de Wever viele Belgier mit seinen anti-frankophonen
Parolen.
Wie dem auch sei – wenn
ihr in Brüssel lebende Expats seid, fiel euch im Wahlkampf
wahrscheinlich vor allem auf, wie viele Kandidaten nicht-belgischer
Herkunft auf den Wahllisten aufgestellt waren. Das ist in anderen
EU-Ländern weniger der Fall. In Brüsseler Stadtteilen wie
Saint-Gilles, Ixelles, Etterbeek oder Saint-Josse-ten-Noode sind denn
auch rund 40% der Bevölkerung Ausländer, oder ausländischer
Herkunft. Namen und Gesichter auf den Wahlplakaten deuteten ganz klar
auf den Hintergrund der Kandidaten in der Türkei, in Marokko,
Portugal, Italien, Griechenland, Polen, dem Kongo oder einem anderen
afrikanischen Land hin. Die Kandidaten vertreten also im Wesentlichen
die verschiedenen communities mit „Migrationshintergrund“.
Möglicherweise wurdet
ihr auch von Kandidaten angesprochen, die aus demselben Land stammen
wie ihr selbst und das auch als Argument zu nutzen versuchten. In der
Tat suggeriert manche Wahlwerbung, dass eure nationalen Interessen
dann im Gemeinderat besonders gut vertreten würden. Vielleicht war
das überhaupt erst der Moment, in dem ihr gemerkt habt, dass ihr
auch wählen gehen dürft, sofern ihr einen Wohnsitz in Belgien
angemeldet habt. Denn Belgien ist eines der ersten europäischen
Länder, die hier gemeldeten EU- und Nicht-EU-Ausländern dieses
Recht einräumt. EU-Ausländer mit belgischem Wohnsitz konnten sich
darüber hinaus auch als Kandidaten aufstellen lassen.
Elisa M. wählte letzten
Sonntag in Saint-Gilles den Gemeinderat. Sie ist Italienerin, lebt
jetzt aber schon sechs Jahre hier. Im September 2006 kam sie für ein
Erasmusjahr, danach blieb sie für ein Praktikum, aus dem erst ein
befristeter und dann ein unbefristeter Job wurde. Jetzt ist es für
sie die erste Wahl in Belgien. Sie war also ziemlich aufgeregt und
fragte ihre wallonische Nachbarin Barbara, ob sie sich ihr
anschließen könnte. (Barbara wählte schon zum zweiten Mal in
Brüssel.)
Ich habe mich
entschlossen, die beiden zu begleiten und ihnen unterwegs einige
Fragen zu stellen. Elisa sagte mir, dass sie sich bei dieser
„Erstlingswahl“ besonders für das Bündnis Ecolo-Groen
interessierte. Als Grund nannte sie neben der pro-europäischen
Ausrichtung die Tatsache, dass diese grünen Parteien sich dadurch
auszeichneten, in den meisten Brüsseler Gemeinden mit einer
gemeinsamen Liste anzutreten. Das sah sie als Zeichen der Reife und
einem zukunftsweisenden Sicht auf Brüssel.
Als ich das Gespräch auf
die Kandidaten ausländischer Herkunft brachte, zeigten sich beide
mit dieser Regelung zufrieden. Barbara meinte allerdings auch, dass
die Kandidaten nicht zu sehr ihre „nationale“ Karte spielen
sollten, also überwiegend auf die Stimmen von Landsleuten zu setzen
oder in einem engen Sinn nationale Interessen im Gemeinderat zu
vertreten.
Am
Ende des Tages blieb für mich der Eindruck, dass junge Leute in
Brüssel, seien sie nun Belgier, Europäer oder anderer Herkunft,
sich für die in den landesweiten Medien vorherrschenden Themen eher
weniger interessieren. Das gilt vor allem für die Nicht-Belgier, die
der Sprachstreit zwischen Flamen und Frankophonen kaum berührt.
Wer in Brüssel lebt,
aber woanders herkommt, weiß aus eigener Anschauung, wie man sich in
einer multikulturellen und vielsprachigen Umgebung zurechtfindet.
Diese Leute wünschen sich eine inklusive und tolerante Zukunft für
ihre Stadt. Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass der
Premierminister Di Rupo von italienischen Eltern in Belgien geboren
wurde. Die zunehmende Beteiligung von Menschen mit ausländischen
Wurzeln könnte die Zukunft Brüssels – und vielleicht des ganzen
Landes ? – entscheidend mitprägen.



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